17.08.2026
Géraldine Di Tizio-Frey und Milla Tonazzi gewinnen sensationell Staffelsilber an Europa- und Weltmeisterschaften
Ein Bericht von Jan Mühlethaler
Eine Staffel ist ein anspruchsvolles Gefüge: Vier Individualistinnen bilden ein Team, das den Aluminiumstab möglichst schnell ins Ziel bringen soll. Was einfach klingt, erwies sich für die Schweizerinnen seit 2014 immer wieder als Stolperstein. An den Einzelzeiten lag es jeweils nicht. Seit dem von Mujinga Kambundji ausgelösten Sprintboom war die Schweiz zunehmend besser aufgestellt als je zuvor. Auch die Strategie, mit der Staffel Medaillen gewinnen und der Leichtathletik zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen zu wollen, ist nachvollziehbar und richtig. Doch an der Umsetzung haperte es über Jahre. Entweder blieb die Frauenstaffel in den Halbfinals hängen, verlor den Stab, wurde disqualifiziert oder schrammte knapp an den Medaillenplätzen vorbei.
In Birmingham, einem Brennpunkt der britischen Leichtathletik, führte das langjährige Staffelprojekt von Swiss Athletics nun endlich zum Erfolg. Géraldine Di Tizio-Frey, aktuell die schnellste Europäerin, war als Teamleaderin gesetzt, ebenso Salomé Kora als klare Nummer 2 der Schweizer Sprintequipe. Zum Aufgebot gehörten zudem Fabienne Hoenke, EM-Vierte über 200 Meter, Léonie Pointet, Ajla del Ponte und Natacha Kouni.
Doch starke Einzelathletinnen allein ergeben noch keine erfolgreiche Staffel. Das mussten die Läuferinnen, die unterschiedlichen Vereinen angehören, in den letzten zwölf Jahren mehrfach schmerzlich erfahren. In Birmingham war das Wettkampfglück diesmal auf ihrer Seite: Deutschland und die Niederlande scheiterten bereits im Halbfinal. Und im Final gelang einzig Grossbritannien perfekte Übergaben, was ihnen letztlich zum Favoritensieg verhalf. Die Schweizerinnen mit Géraldine Di Tizio-Frey als Startläuferin, Fabienne Hoenke, Léonie Pointet und Salomé Kora gewannen hinter Great Britain und vor Polen Silber – trotz eines missglückten letzten Wechsels, der gewöhnlich das Aus oder zumindest einen Rang ausserhalb der Medaillen bedeutet hätte.
Géraldine Di Tizio-Frey ist die erste Athletin des LK Zug – und die erste Zugerin überhaupt, die an einem Leichtathletikgrossanlass mit der Staffel eine Medaille gewinnt. Die silberne Auszeichnung, die golden glänzt, ist zugleich eine Genugtuung nach der bitteren Enttäuschung am ersten Wettkampftag, als Géraldine im 100-Meter-Final Bronze um eine Hundertstelsekunde verpasst hatte. Noch im Halbfinal siegte sie mit 11,02 Sekunden und einem technisch makellosen Lauf, im Final fehlte ihr dann das nötige Quäntchen Glück und die zuvor gezeigte Lockerheit auf den letzten Metern. Dennoch: Was die 29-Jährige im Halbfinal der Europameisterschaften zeigte, verdient das Prädikat «Weltklasse». Géraldine komplettierte ihr eindrückliches EM-Programm mit einem weiteren vierten Rang in der Mixedstaffel – mit 40,87 Sekunden resultierte für das Quartett immerhin ein Schweizer Rekord.
Nur wenige Tage zuvor überzeugte mit Milla Tonazzi eine weitere Athletin des LK Zug auf der Weltbühne. Die 200-Meter-Spezialistin, die an den Schweizer Meisterschaften in Zürich gemeinsam mit Géraldine Di Tizio-Frey im 100-Meter-Final gestanden hatte, war zu den Juniorinnen-Weltmeisterschaften nach Eugene gereist. Die Stadt im US-Bundesstaat Oregon gilt als Hochburg der Leichtathletik und ist eng mit Nike sowie dem amerikanischen «Track and Field» verbunden. Die 19-Jährige stellte sich dieser Herausforderung in gewohnt souveräner Manier und erreichte über 200 Meter die Halbfinals.
Mit der Staffel stand Milla vor derselben Aufgabe wie Géraldine: Erfolg ist nur im Team möglich. Dafür braucht es monatelange akribische Vorbereitung – und im entscheidenden Moment muss vieles zusammenpassen. Milla Tonazzi lief in der Kurve zweimal zur Bestform auf und gewann mit der Schweizer Juniorinnenstaffel Silber. Nur Jamaika, neben den USA die führende Sprint- und Staffelnation, war noch schneller als das Nachwuchsteam von Swiss Athletics.
Zwei Athletinnen des LK Zug haben damit innerhalb einer Woche Sportgeschichte geschrieben. Beide wurden sie über viele Jahre behutsam aufgebaut und stehen an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere. Géraldine Di Tizio-Frey ist auch nach der EM in Birmingham die Schnellste in Europa. Milla Tonazzi zählt über die halbe Bahnrunde zu den schnellsten Juniorinnen Europas und der Welt. Mit 10,96 Sekunden ist Géraldine erfreulicherweise in eine Leistungssphäre vorgestossen, die sie für jedes Diamond-League-Meeting interessant macht. Milla, die Aufsteigerin der vergangenen drei Jahre, kann von der zehn Jahre älteren Teamkollegin profitieren, wenngleich sie ihren eigenen Weg finden muss. Beide zeigen, dass die Nachwuchsarbeit des LK Zug die Grundlage für Erfolge auf internationaler Bühne legen kann. Danach braucht es eine individuell abgestimmte Feinarbeit mit geschickten Kooperationen.
Die Staffel, dies zeigt die Erfahrung der letzten Jahre, kann Ehrgeiz und Leistungsvermögen zusätzlich beflügeln, sie bleibt aber stets eine harte Bewährungsprobe und darf nicht von individuellem Erfolgsdrang ablenken. Umso höher sind die beiden Silbermedaillen einzustufen: Sie belohnen nicht nur die Leistungen von Géraldine Di Tizio-Frey und Milla Tonazzi, sondern auch die kontinuierliche Aufbauarbeit des LK Zug. Zug darf sich auf weitere starke Auftritte der beiden Sprinterinnen freuen. Zunächst in Lausanne, Zürich und Bellinzona – und in den kommenden Jahren hoffentlich auch an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles 2028 und Brisbane 2032.


